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Geschichte konkret erlebt!

Klasse 10c im Zeitzeugengespräch mit einem ehemaligen Mitglied der französischen Widerstandsbewegung

Erhard Stenzel berichtet von seinem Werdegang vom Wehrmachtssoldaten zum Widerstandskämpfer

Am 23. Februar hatte die Klasse 10c der Oberschule Elstal Herrn Erhard Stenzel aus Falkensee als Gast eingeladen. Der 87-Jährige  erzählte über drei volle Schulstunden über seine Erlebnisse während des Nationalsozialismus. Das Besondere an seinem Lebensbericht: Er hatte aktiv gegen die Nazis gekämpft, was ihm später, vor allem in der Zeit nach der Wende den Vorwurf des Kriegsverräters einbrachte.

Am 23. Februar hatte die Klasse 10c Ehrhard Stenzel als Zeitzeugen eingeladen. Das Interesse an authentischen Zeugen ist groß. Aber die Uhr für diese Zeitzeugen, die für die Zuhörerschaft die Generation der Großeltern darstellt, tickt unaufhaltsam. Bald werden sie verschwunden sein und wer verbürgt sich dann persönlich für die Richtigkeit seiner Aussagen?

Erhard Stenzel ist ein sehr lebhafter Redner trotz seiner nunmehr 87 Jahren.

Er begleitet seinen Vortrag gestenreich. Auch für jüngere Zuhörer ist er immer noch ein Erlebnis.

Wenn gegenüber 2008 seine Stimme nicht mehr so fest klingt, so begreifen seine Zuhörer sehr schnell, dieser Mann weiß, wovon er spricht. Er ist nicht mehr so stark wie früher, aber seine Zuhörer merken: verbal kann er noch zupacken.

Es ist ja nicht nur die Zeit 1933 bis 1945, die interessiert. Danach gibt es ja auch noch eine ereignisreiche Zeit. Erhard Stenzel nach 1945: Mitarbeiter bei der Sächsischen Zeitung, Gewerkschaftsfunktionär

Die Tafel steht voll mit Namen, die unseren Schülern in der Regel wohl kaum unterlaufen werden. Louis Aragon, ein französischer Schriftsteller, der den Widerstand unterstützt  aber bei seinen Kollegen in die Kritik kam, weil er sich nicht entschieden gegen den Diktator Stalin ausgesprochen hatte.

Hier geht es um Ouradour sur Glan. Ein kleiner Ort im Südwesten Frankreichs, der von den Deutschen verwüstet worden ist. Die Menschen wurden im Rahmen einer Vergeltungsaktion in die Kirche gepfercht und angezündet. Alle Einwohner des Ortes bis auf einen, der zufällig auf Besuch in einem Nachbarort war, verbrannten lebendigen Leibes.

Das Alter! Das Hören wird schwierig, weil unser Gast ein Problem mit den Gehörhilfen hatte.

Ausgerechnet das rechte Hörrohr ist ausgefallen. Aber mit etwas Geduld kam dann doch eine Verständigung zustande.

Wie steht Erhard Stenzel zum Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan? Er ist dagegen, weil er den Krieg in allen seinen fürchterlichen Erscheinungsformen selber erlebt hat.

Drei volle Schulstunden dauerte das Zeitzeugengespräch, doch unsere Schüler von der 10c machten nicht schlapp. Wenn das Thema interessant ist, dann können auch „internetgeschädigte“ Schüler durchhalten.

Herr Stenzel hat viel Schreckliches erlebt. Wie hat er diese Traumata überstanden? Träumt er noch heute davon? Leider haben wir es versäumt, ihn das zu fragen.

Herr Stenzel war wie seiner Zeit 2008 sehr von der Aufmerksamkeit und der Disziplin der Schüler angetan. Wenn er wüsste!! Aber das soll nicht davon ablenken, dass die Schüler sehr aufmerksam zugehört und gute Fragen gestellt haben. Es war auf jeden Fall eine gelungene Veranstaltung, für dessen Erfolg auch Herrn Bank, Gemeindevertreter für Wustermark, zu danken ist.

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Erhard Stenzel wurde am 5. Februar 1925 in Freiberg in Sachsen geboren. Sein Vater war in der KPD. Am 1. Mai 1933 wurde sein Vater von den Nazis abgeholt, misshandelt und in ein Konzentrationslager gebracht. Erhard Stenzel hat seinen Vater nie wieder lebend gesehen.

Mit Hilfe von Freunden der Familie kann Erhard Stenzel eine Lehre als Schriftsetzer bei der Sächsischen Zeitung beginnen. Leider widerfährt ihm ein folgenschweres Missgeschick. Er soll die fertig gesetzte Titelseite einer wichtigen Kriegsmeldung von der Setzerei zur Druckerei transportieren. Sie fällt ihm aus den Händen. Konsequenz: Die wichtige Erfolgsmeldung, die der Propaganda der Nazis nützen sollte, kann nicht gedruckt werden. Die GESTAPO legt dem jungen Lehrling diese Ungeschicklichkeit als Sabotageakt aus und sperrt in das berüchtigte Stadtgefängnis in Dresden ein. Er erfährt Misshandlungen und muss gezwungenermaßen mit ansehen, wie Gefangene hingerichtet werden. Mit dieser Methode erhoffen die GESTAPO-Leute, dass Erhard Stenzel sein Schweigen aufgibt und die Namen der vermeintlichen Hintermänner nennt. Da es keine Hintermänner gibt und keinen Plan zur Sabotage, bleibt Erhard Stenzel bei seiner Darstellung. Erhard Stenzel wird zur Wehrmacht gezogen, erfährt dort laufend Schikanen durch seine Vorgesetzte, weil er im Rufe steht, ein Gegner des Nationalsozialismus zu sein.

Er erhält einen Marschbefehl nach Hammerfest in Norwegen. Inzwischen hat sich bei Erhard Stenzel der Entschluss verdichtet, die Wehrmacht bei der nächst besten Gelegenheit zu verlassen. Es war ihm bewusst, dass auf Desertation die Todesstrafe steht. In Norwegen ist das Risiko zu desertieren noch zu groß, da die schwedischen Behörden deutsche Deserteure in der Regel an ihre Einheiten wieder ausliefern und damit dem sicheren Tod durch Erschießen ausliefern.
Eine Möglichkeit, der verhassten Wehrmacht endlich den Rücken zu kehren, eröffnet sich ihm erst gegen Ende 1943 in Nordfrankreich. In der nordfranzösischen Stadt Rouen lernt er einen deutschsprechenden Franzosen  dem Elsaß kennen, der bald erkennt, dass Erhard Stenzel keine Lust hat, mit der Wehrmacht gemeinsame Sache zu machen. Sein Ausstieg aus der Wehrmacht wird zusammen mit Mittelsmännern der Résistance geplant und durchgeführt. Am 3. Januar 1944 während eines Patrouillengangs ergreift er die Gelegenheit zur Flucht, wird von der Résistance aufgenommen und später in der kommunistischen Partei.

Von nun an lebt er im Untergrund, hauptsächlich in den Wäldern. Er wird zum Einzelkämpfer ausgebildet und nimmt an verschiedenen Kommandoaktionen der Résistance gegen die Wehrmacht teil. Unter anderem war er bei der Sprengung eines Munitionszuges dabei. Die spektakulärste Aktion, bei der er mitgewirkt hatte, war die gewaltsame Befreiung von sieben gefangenen Funktionären der kommunistischen Partei in Rouen, die nach Deutschland abtransportiert werden sollten.

Stenzels Aktivitäten in der deutschsprachigen Brigade der Résistance brachten ihm nach Ende des Krieges die französische Tapferkeitsmedaille ein; als er wenige Monate später nach Freiberg zurückkehrte, erfuhr er, dass man ihn in Abwesenheit zum Tode verurteilt hatte. Ebenso musste er erfahren, dass die Nazis seine Mutter über sechs Monate eingesperrt hatten, weil sie vermuteten, dass sie es war, die ihren Sohn zum Überlaufen zum Feind überredet hatte.
Nach der Gründung der DDR wurde Erhard Stenzel Mitglied der SED und arbeitete mehrere Jahrzehnte als Funktionär im Freien Deutschen Gewerkschaftsbund. Wenige Jahre vor seinem Ruhestand bildete er im Schloss von Petzow Mitarbeiter für das Gaststättengewerbe aus.

Erhard Stenzel ist heute Ehrenvorsitzende der Partei „die Linke“ in Falkensee und ältester Stadtverordneter Falkensees.
Im Jahre 2008 war er schon einmal Gast an der Oberschule Elstal und diskutierte mit zwei zehnten Klassen über den Zweiten Weltkrieg. Damals schon war er von der Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler sehr überrascht und angetan. Auch dieses Mal, am 23. Februar, zeigten sich die sonst so lebhaften Schüler der Klasse 10c sehr diszipliniert und verfolgten gespannt den lebhaften Vortrag ihres Gastes. Am Schluss bedankten sich die Schüler bei Herrn Stenzel mit stehendem Beifall.

Elstal, den 20. März 2012
G.Stängle
(Stellvertretender Klassenlehrer 10c)